Im Land der Desillusion - Japan

Im Land der Desillusion - Japan

Es war November und es war der Moment gekommen an dem es hieß einen Urlaub zu buchen.

Amerika war bislang immer nett aber nie wirklich mein Ding. Es ging diesmal darum einen Urlaubsort zu finden der mir Kultur, gutes Essen, Abstand von jeglichen hipster-Blogger-destinationen geben sollte und recht günstig war - revolutionär, ich weiß. Nach wirklich ungenauer Recherche und lediglich guten Empfehlungen einiger Bekannte wurde es 18 Tage Japan. Die Zeit verging, plötzlich stand dieser Urlaub vor der Tür und der ein oder andere Reiseführer versprach mir nur eindrucksvolle Orte. Reiselustig und mit wenig Gepäck stieg ich in den Flieger zunächst nach Finnland und anschließend nach Tokyo. 

Die Frage „wieso ausgerechnet Japan?“ wurde mir unverhältnismäßig oft gestellt und verunsicherte mich insofern als dass ich keine wirkliche Antwort darauf wusste. Oft fällt mir allerdings die Rechtfertigung für gewisse Reiseländer schwer insbesondere wenn mein Gegenüber jemand ist, der in den Urlaub fährt um doch irgendwie zuhause zu sein. Wisst ihr was ich meine? Das Mysterium menschlicher Reiselust ist nun doch ziemlich geprägt auf individualisierte Signale zu hören und einen einfachen Deckungsabgleich mit eigenen Interessen als kaufinspirierend zu empfinden. Viele Deutsche, keine ungewohnten Gerichte, keine neue Sprache - herrlich. Oft wird der Motivationsimpuls „Sicherheit“ vom Instinkt etwas Neues kennenzulernen überstimmt. Bei mir sollte diesmal eine grassierende Ortsveränderung samt kultureller Neuheiten her und ich empfand mich als abendteuerlustig und innovativ. (Wir werden sehen)

 

Ich stellte mir eine Großstadt vor, die doch ländlich und beruhigend ist. Zur Zeiten der Kirschblüte im Mai sollte ich genau diesen Mix vorfinden. Tolle Bars, verrückte Leute, eindrucksvolle Gebäude schwirrten in meinem Kopf. Eine Zeitung die ich zuvor bei einem Arzt gelesen hatte sprach besonders bei Tokio von einer Stadt in der moderne Architektur und traditionelle Kultur einen gleichberechtigten Platz hätten. 

 

Und dann kam ich an. Gelandet in Tokio fuhr ging es mit dem Shinkansen nach Kyōto. Endlich zur Ruhe kommen war der Kerngedanke hinter dieser Tour, der leider übersättigt erfüllt wurde. Ein lauer Mainachmittag trieb uns von der Haltestelle durch eine Markthalle Richtung Hostel. Ungewöhnlich ruhig hier, dachte ich. Vielleicht mittags- äh, nachmittagspause? Welcome to Kyoto aka. Buxtehude in der du deinen eigenen Blutkreislauf hören kannst vor Stille. Es war leider nicht die Ruhe, die ich mir vorgestellt hatte, sondern penetrante Stille. Obwohl, ein Geräusch wird wohl immer in meinem Kopf bleiben: das Ampel-Piep-Geräusch, dass sich durch das gesamte Land zog. Warnend und monoton zugleich schmückt es die stillen Straßen mit Ihren viel zu kleinen Comic-Autos. Japan ist süß, .. und still. Die Tempel und Schreine fand ich zu Beginn wirklich beeindruckend aber wie es nun mal so ist: hat man einen gesehen, hat man alle gesehen. Für mich haben sie sich nicht großartig unterschieden und somit hat man mit einem Schlag 90% der Attraktionen in Japan ausgeschlagen. Ich spreche hier wirklich nur für mich und gebe euch lediglich meine Meinung preis. Gegensätzlich zur ruhigen kulturellen Atmosphäre blinkt und dudelt jeder einzelne Laden in Japan. Sobald ein Sensor deine Bewegung in einem Geschäft registriert tutet und jedes Schild beginnt zu blinken und zu flackern. Japaner reden nicht in Zügen oder auf der Straße, stehen aber vollkommen auf blinkendes und exzessiv buntes Zeugs - am besten mit Mangas. Diese sind übrigens auch auf allen Straßenschildern zu finden. Jede Warnung oder jenes Verbot wird von einem Manga erklärt - Es ist und bleibt Geschmacksache. 

 

Nun zum Essen. Viel gibt es nicht zu sagen, außer dass ich jeden Tag den sogenannten Döner aus Japan gegessen habe: Ramen. Die würzige Nudelsuppe gibt es nahezu alle zehn Meter. Ein Indikator für eine gute Ramen ist übrigens die Ausstattung des Restaurants: hat es Essens-Attrappen und sieht es besonders kitschig aus ist es gut. Die beste Ramen gab es übrigens in Kyoto und kostete knapp 5€. Sushi ist auch super, findet ihr z.B. Auf dem viel zu umworbenen Fischmarkt in Tokio oder in Wakayama. Letzterer war ein Fischmarkt á la 200m umzäunt von einem Freizeitpark. Die Enttäuschung schlechthin. Okominyaki sind in Teig eingewickelte Tintenfischbällchen mit Barbecuesauce: Bauchschmerzen waren leider bei mir vorprogrammieret. Familymart & 7Eleven (Achtung, Anzeige da Markennennung) retteten meistens den Abend: Es wurde meist eine einfache Suppe und gekühlte Edamame.

 

Gebucht war übrigens vorher nichts, immer haben wir spontan entschieden wo es hingeht, neu motiviert und waren dann doch wieder enttäuscht. Nach Tag 5 und einem kleinen emotionalen Tiefpunkt ging alles einfacher mit einem einfachen Indikator: Humor. Alles ruhig als beschissen beurteilen, damit abfinden und lachen - auch wenn man im 2€ - Ganzkörperkondom eine Wanderung im Dauerregen macht. Ohgott, ich weiß nich wo ich anfangen und aufhören soll. Am besten ich fasse Tokio noch weiter zusammen:

 

Die Sprachkompetenz in Japan ist leider auch in einer Millionenstadt wie Tokio eine Katastrophe. Selbst am Flughafen nur brüchiges Englisch, aber dennoch sehr höfliche Mitarbeiter. Japaner sind für mich oft unlogisch aber derart höflich. Man sieht weder pöbelnde Leute noch penetrante Blicke die dein Outfit beurteilen oder einfach glotzen. Ohne das auf die Persönlichkeit zu beziehen: dicke Menschen sieht man ebenfalls äußerst selten. 

 

Shibuya war ganz cool. Es gab endlich vernünftigen Kaffee und Läden in denen man draußen essen konnte. Das gibt es sonst nirgends - Japaner essen ihre Ramen drinnen, klimatisiert und schlürfen den kochenden Pott in circa 3 Minuten leer, yummy. Hauptattraktion dort ist die Straßenkreuzung, die täglich tausende Menschen überkreuzen - wow. Nebenan fahren Trucks mit blinkenden Werbeanzeigen und übertönen die dazu monotonen Ampelgeräusche. 

 

Abends fühlte ich mich von tausenden Menschen in der U-Bahn betrogen, die dort schliefen statt in die ein oder andere Bar zu gehen. Nachts war wirklich nicht viel los - vielleicht legte ich es am Ende aber auch nicht darauf an. Highlight war Fuji (der große Berg) der umrandet von einem äußerst dreckigen und unspektakulären Ort war. 35€ pro Ticket und schlechte Laune inklusive. Ich sags euch, traut den ganzen Preset-Bildern nicht auf Instagram, es kann alles viel grauer aussehen.

 

Trotzdem fühlte man sich wohl. Japaner sind äußerst angenehm, außer wenn sie Ramen schlürfen. Überall gibt es öffentliche und saubere Toiletten, die Züge kommen (IMMER) pünktlich. Viele denken platzsparend und effizient. Mülleimer sollte es mehr geben - diese Einsparung führt aber auch dazu dass alle Japaner ihren Müll eigenständig entsorgen und nicht überall ablagern. 

 

Bei solchen Reisen lernt man jedoch viel über sich und seinem Gegenüber. Positiv denken auch wenn es manchmal schwer fällt, im Hostel trotz 5000 Yenn Strafe zu essen und laut zu lachen, zu viel Sake zu trinken und einfach Dinge zu akzeptieren. Besser als eine deutsche Karte mit „internationaler Küche“ vorliegen zu haben und abends sich inszenierte Tanzshows anzuschauen.

Zusammenfassend war Japan eine Abfolge aus folgendem Muster: Idealisierung, Desillusionierung und Normalisierung. Die vierte Phase nannte sich im worst case zornige Enttäuschung. Aber okay. Für Tokyo 2020 und eine extra Portion Ramen nehme ich das gerne noch mal in Kauf. 

 

Maren Schiller