Nur noch wenige Male zürück

Nur noch wenige Male zürück

Berlin, 06/10/2017

Penetrant brettert mein ICE 544 über Hannover zurück in die Heimat. Aus meinem ehemaligen Zuhause wurde schon vor so langer Zeit in meinen Gedanken nur noch die Stadt meiner Uni, meiner viel zu warmen und tristen 60 qm Wohnung. Zuhause bin ich mittlerweile woanders. Was oft eingekleidet in gutmütigem und (hoffentlich) humorvollem Sarkasmus über meine Nachbarn, meine Uni und meine Erfahrungen der letzten 2 Jahre ist, erfordert tatsächlich mehr Kraft und Gutmütigkeit als ich mir je in meinen 15-Sekunden-Instastories zugestehen mag. Es sind nämlich nicht immer die leichten, süßen Missgeschicke die ich euch täglich zusammen mit diversen Produktempfehlungen auf meinem Kanal zur Schau stelle. Es sind plagende Selbstzweifel, ob mein Job ein wirklicher Job ist, für den ich mich oft (unberechtigter) Weise schäme wenn ich mich anderen Leuten vorstelle und die Frage „was in 5 Jahren daraus geworden ist“. Gern wird es belächelt, die Zahl meiner Follower bewundert und abgestempelt. Doch Glück gehabt, sie studiert. Journalismus sogar. Journalismus hat ein unglaublich hohes Berufsprestige, ist eine interessante und trotz maroder Bezahlung eine solch angesehene Branche, die mich doch immer in eine gewisse Seriosität rettet. Ich bin dankbar für mein Studium und das ständige „zweigleisig“ fahren, das mich in den Prüfungsphasen und kurz vor der Steuererklärung gern mal in den Wahnsinn treibt. Doch schlecht wird mir bei dem Begriff „Influencer“ der klingt als müsste man Medikamente gegen ihn einnehmen und der in allen breiten Medien ironisiert und kritisiert wird. Teilweise vollkommen zurecht. Ich persönlich kann meine eigene Story nicht ansehen ohne schwer zu schlucken und bekomme gar die Krise wenn meine Freunde oder Familie sie vor mir ansehen. Wieso eigentlich? Wieso rede ich zu tausenden Personen, warte den ultimativen Zeitpunkt für ein Posting ab, setze mich einer quantitativen Jury aus, die mir sagt wie schön ich bin oder hässlich mein Körper ist?

 

Die Diskrepanz zwischen Vergötterung, Komplimenten und der oft kalten und erbarmungslosen Realität die mich oft so ratlos, klein und schwach darstellen lässt wechselt aktuell wirklich oft. Die Anpassung zwischen normaler Tochter, Freundin, bester Freundin und @marenschiller auf Instagram und mir selbst hinterlässt oft tiefe Spuren, sodass ich mich gerne durchs Laufen, beim Sport oder durch lange Waldspaziergänge zurückgezogen habe. Auch in meiner Wohnung in Oberhausen die ich mit dem Enthusiasmus und dem Hintergrund einrichtete, dass ich doch so gern alleine bin, hat mir gezeigt dass das alles keine Lösung ist. Plötzlich machst du nämlich durch einen Ermüdungsbruch keinen Sport mehr und verliebst dich so sehr in eine Stadt, die Menschen dort und deine Art mit Situationen umzugehen, dass alles ganz anders wird. Meine Heimat hat leider zu viele Knotenpunkte und Personen, die mich so schnell zurückwerfen in eine Ecke deren Fluchtwege so weit scheinen.

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Der Wunsch anzukommen und endlich Zuhause zu sein durchdringt seit meinem Abitur meine Gedanken und wird nun Wirklichkeit. Ich brauche kein Jahr Weltreise um zu wissen wer ich bin und sein möchte, da ich es um ehrlich zu sein noch gar nicht wissen will. Ich lerne gerade so viel, reflektiere mich täglich selbst und siebe zwischen tausenden Möglichkeiten und Ideen aus, was mir dieses und das kommende Jahr noch bringen wird. Sicher ist jedenfalls, dass ich ab Mitte Juli komplette Berlinerin bin, den schönsten Kiez für mich entdeckt habe, mit dem tollsten Menschen der Welt einschlafen darf und grade einfach nur das inflationäre Wort „dankbar“ für meine Gefühlslage verwenden kann.

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